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Piraterie auf Hoher See

Die Geschichte des Seeraubs beginnt mit der Geschichte der Seefahrt. Aristoteles teilte die Seefahrt überhaupt in Fischerei und Piraterie ein, da beide der Nahrungssuche dienen sollten.
Als „peirates“ bezeichneten die Griechen jene Männer, die als Abenteurer übers Meer fuhren, um an fernen Ufern Küstenraub zu treiben. Das Wort Piraten wurde später in die Sprache aller seefahrenden Völker übernommen, in manchen Ländern hießen sie zudem Bukkanier, Likedeeler oder Korsaren.

Der Küstenraub war wahrscheinlich die erste Form der Piraterie. Da der Mangel an Nahrungsmitteln oft ganze Städte oder Völker traf, galt der Seeraub viele Jahrhunderte als ruhmvolle Tätigkeit.
Die Seezüge und Heldentaten an fremder Küste wurden von Dichtern besungen und von Geschichtsschreibern der Nachwelt überliefert.
Der Küstenraub hat sich in der Form des Kolonial- und Sklavenhandels bis ins 19. Jahrhundert hinein erhalten. Man tauschte wertlosen Plunder gegen Edelmetalle, Gewürze und Menschen. Konnten die Menschen nicht erhandelt werden, so wurden sie geraubt, um anschließend als Sklaven verkauft zu werden.

Das Gegenstück zum Küstenraub war der Strandraub. Was herrenlos an den Strand getrieben wurde, gehörte den Anwohnern. „Herr, segne unseren Strand!“, beteten die Pfarrer von Küstenortschaften noch im vorigen Jahrhundert. Manchmal half man dem Gebet auch ein wenig nach. Es wurden Seezeichen versetzt oder Schiff falsch gelotst.

Der Hauptschauplatz der Piraterie war jedoch das offene Meer. Hier hissten die Piraten ihre schwarzen oder roten Flaggen, wenn sie zum Angriff auf ein Handelsschiff ansetzten.
Seitdem das erste Mal Menschen auf Ozeanen und Meeren segelten, wurden sie von Piraten "begleitet". Sie stellten Handelsschiffen des antiken Griechenlands nach (6. und 7. Jahrhundert v. Chr.), das große Römische Reich (200 v. Chr. - 476 n. Chr.) war gezwungen gegen Piraten vorzugehen, um seine Getreideimporte zu schützen und die skandinavischen Wikinger terrorisierten im 9. Jahrhundert den Norden Europas.
Im weiteren Verlauf der Jahrhunderte bildeten Teile des Mittelmeers, die Ost- und Nordsee, der Englische Kanal, die Karibische See, die Küste Westafrikas, der Indische Ozean und das Chinesische Meer die hauptsächlichen Jagdgebiete.

Die großen Seemächte versuchten sich gegenseitig den Handel streitig zu machen. Dies geschah sowohl mit offiziellen Kriegsflotten als auch mit geheimer Förderung staatlich organisierten Seeraubs, mit der Ausstellung sogenannter „Kaperbriefe“. Die Königin von England, Elizabeth I, und der von ihr zum Ritter geschlagene Francis Drake sind dafür das berühmteste Beispiel.
Viele Staaten nahmen Piraten während eines Kriegs in ihre Dienste. Der Erfolg ihrer Kaperfahrten ermutigten andere, die unbedingt reich werden wollten, nicht als Piraten, sondern als "staatlich anerkannte Freibeuter" fremde Schiffe anzugreifen und zu erobern. Allzu oft tauschten Freund und Feind die Rollen. So wurde mancher Admiral zum Seeräuber und mancher Seeräuber unbeabsichtigt zum Helden seiner Nation.

Freiwillig oder gezwungen, aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten zusammengewürfelt, sind die Seeräuber meist namenlos geblieben. Es waren Abenteurer, desertierte Soldaten, arbeitslose Seeleute, entlaufene Mönche, Raufbolde und Totschläger.
Über längere Zeit erfolgreiche Piraten hielten an Bord ihres Schiffes eine strenge innere Ordnung. Die unbeschränkte Disziplinargewalt des Kapitäns beruhte dabei ausschließlich auf seiner Autorität. Führer eines Schiffes wurde der Grausamste und Erfolgreichste. Nur wenige Piraten sind mit ihren Taten in die Geschichte eingegangen, über die Lieder gesungen und Geschichten erzählt wurden. Die meisten sind erst durch ihre Hinrichtung bekannt geworden.

Einen absoluten Höhepunkt in der Geschichte der Piraterie bildeten die kolonialen Auseinandersetzungen zwischen den aufstrebenden Staaten Westeuropas – Frankreich, den Niederlanden, England – und den Entdeckerländern Spanien und Portugal im 17. Jahrhundert.
Die Zurücknahme aller Kaperbriefe durch König James I im Jahre 1603 führte zur "Ersetzung" der Freibeuter durch Banden von rechtlosen und gesetzlosen Piraten wie z.B. Sir Henry Morgan mit seiner Mannschaft und der grausame Francois Lollonois. Im späten 16. Jahrhundert begann auch das klassische Zeitalter der Piraterie mit Captain William Kidd und Henry Avery.
Diese Ära setzte sich im 18. Jahrhundert fort, als viele der berüchtigtsten Piraten die Weltmeere unsicher machten. Die beiden Piratinnen Mary Read und Anne Bonny, die zusammen mit Jack Rackham segelten, der angeblich das Piratensymbol aus einem Totenschädel und gekreuzten Knochen erfand, waren zwischen 1710 und 1720 aktiv, Samuel Bellamy verwüstete die Küsten des kolonialen Amerika von 1716 - 1717, und der infame Blackbeard wurde 1718 getötet, nachdem er zwei Jahre lang die karibische Schifffahrt terrorisiert hatte.

Sein richtiger Name war Edward Teach, und er war bei weitem der berüchtigtste Pirat, der je gelebt hat. Obwohl sehr wenig über sein Leben vor Beginn seiner Piratenkarriere bekannt ist, stimmen die meisten Historiker darin überein, dass er um das Jahr 1680 in der englischen Stadt Bristol geboren wurde. Im frühen 18. Jahrhundert verließ er Bristol und ging in die Karibik, wo britische Freibeuter der spanischen Seefahrt schweren Schaden zufügten. Dies war der Beginn einer brutalen, glorreichen und kurzen Karriere.
In Jamaika kaperte Teach ein französisches Handelsschiff, benannte es Queen Anne's Revenge und machte es zu seinem Flaggschiff, bewaffnet mit 40 Kanonen. Als Großbritannien alle Kaperbriefe in der Karibik zurückzog nahm Teach die Queen Anne's Revenge und sattelte auf regelrechte Piraterie um, wobei er in kürzester Zeit der meistgefürchtete Pirat seiner Umgebung wurde. Richtig bekannt bzw. berüchtigt wurde er unter seinem spektakulären Kampfnamen, Blackbeard, ein Titel, den er zu seinem Vorteil pflegte. Vor einer Schlacht steckte er sich langsam brennende Lunten an das Ende seines wuchernden schwarzen Bartes, die er anzündete, wenn sich feindliche Schiffe näherten. In vielen Fällen reichte der bloße Anblick von ihm, wie er mit teuflisch glühendem und rauchendem schwarzen Bart an Deck stand, um Kapitäne von Handelsschiffen so zu erschrecken, dass sie sofort kapitulierten.
1718 verließ Blackbeard die Karibik, um Küstenstädte und Buchten Virginias und Carolinas zu überfallen und auszurauben. Es war eine Umsiedlung, die zu seinem Tode in der Bucht von Ocracoke, North Carolina führte.

Viele Piraten und Freibeuter verschafften sich einen guten Ruf in der amerikanischen Revolution (1775 - 83), da hunderte der kleinen amerikanischen Marine halfen, indem sie die Schiffe der englischen Herrscher angriffen und versenkten. Der gebürtige Schotte John Paul Jones wurde durch seine Aktivitäten im amerikanischen Freiheitskrieg Nationalheld.
Als sich schließlich die neuen Kolonialmächte, allen voran England, durch Krieg und Piraterie durchgesetzt hatten, erscholl aus ihrem Munde das altrömische „Pirata hostis humani generis“ das heißt „Piraten sind Feinde der gesamten Menschheit“, denn nun bedrohte der Seeraub den eigenen Handel. Die Einführung von Dampfschiffen, die nicht mehr vom Wind abhängig waren verschaffte den Piratenjägern einen entscheidenden Vorteil. 1850 gab es nur noch sehr wenige kleine Piratenmannschaften. 1856 wurde in Paris von den meisten großen Seemächten ein Vertrag geschlossen, der das Ausstellen von Kaperbriefen untersagte.
Durch das Fehlen einer wirksamen internationalen Zusammenarbeit konnte sich der Seeraub aber noch lange Zeit halten.

An den Hauptschifffahrtsrouten ist die Piraterie heute so gut wie ausgestorben. Dennoch werden nach zuverlässigen Ermittlungen heute jährlich 200 Raubüberfälle auf Frachtschiffe verübt. Berüchtigt für Piratenüberfälle sind die Westküste Afrikas vor Lagos, die Küsten Indonesiens und Malaysias sowie der südliche Teil des Chinesischen Meeres. Beliebte Angriffsziele sind Frachter, die gut weiterverkäufliche Waren an Bord haben wie elektronische Geräte.

Wenn die heutige Piraterie auch nur einen geringen Teil des international organisierten Verbrechens ausmacht, so ist sie doch nicht endgültig tot. Doch ihre große Zeit ist vorüber. Die Piraterie als jahrtausendelang untrennbarer Begleiter der Schifffahrt ist vor über 100 Jahren gestorben. Es besteht kein Grund, ihr nachzuweinen.